Die Geburtshelfer


IM ZENTRUM DER INDISCHEN FAHRZEUGINDUSTRIE

Automarkt der Zukunft – Noch dominieren Auto-Rikschas das Straßenbild Indiens, doch moderne Fahrzeuge wie der Passat sind auf dem Vormarsch. (Foto)
AUTOMARKT DER ZUKUNFT
Noch dominieren Auto-
Rikschas das Straßenbild
Indiens, doch moderne
Fahrzeuge wie der Passat sind
auf dem Vormarsch.

Für Pune sprach zunächst der politische Wille der Regierung des Bundesstaates Maharashtra, die industrielle Struktur der Region um den Global Player Volkswagen zu erweitern. Ein entsprechendes Grundstücksangebot folgte bald. „Die Region Pune ist traditionell eines der Zentren der indischen Automobilindustrie und verfügt bereits über eine Infrastruktur potenzieller Zulieferer“, erklärt Dettmann. Hinzu komme ein für südasiatische Verhältnisse günstiges Klima.

Nicht zu vergessen: Pune gilt mit einer riesigen Universität und Hunderten von Colleges als das „Oxford Asiens“. Hier wird die künftige technische Intelligenz des Landes ausgebildet. Und die ist Deutschland gegenüber sehr aufgeschlossen. Neeti Badwe, Germanistikprofessorin an der University of Pune, erklärt nicht ohne Stolz: „Bei uns wird seit über 100 Jahren Deutsch gelehrt.“ Frau Badwe berichtet amüsiert von kulturellen Fallstricken. „Wir haben beispielsweise kein Wort für ‚Freizeitgestaltung‘“, erzählt sie, „weil freie Zeit für die meisten Inder eher die Ausnahme ist.“ Auf solche Feinheiten muss man achten, wenn man Indien verstehen will – ein Land mit über einer Milliarde Einwohnern, zwei Dutzend Amtssprachen und einer kulturellen Vielfalt, die der Europas in nichts nachsteht.

Davon können auch Dettmann und seine Kollegen ein Lied singen. Selbst die Inder untereinander verstehen sich manchmal aufgrund der Sprachvielfalt im Land nicht. Und zwischen Deutschen und Indern gibt es noch mehr Raum für Missverständnisse. Ein Beispiel sind die unterschiedlichen Vorstellungen von Zeitplanung. „Ich frage nie: Wann seid ihr fertig?“, erzählt Dettmann, „sondern nur: Wann fangt ihr an?“ Daraus könne er dann erahnen, wann mit der Fertigstellung eines Bauabschnitts gerechnet werden könne. Nicht auf den Tag genau, aber auf die Woche. „Jetzt mach das mal jemandem in Wolfsburg klar, der die Produktionsmaschinen losschicken will und ein Dach auf der Halle verlangt“, rauft sich Dettmann die Haare, „der fragt mich nicht nach der Woche, sondern höchstens nach der Uhrzeit.“

Allerdings ist die Qualität, die die indischen Arbeiter trotz ungewohnter Arbeitstechniken abliefern, für die Deutschen beeindruckend. „Es gibt hier noch keine Stahlbetonmatten“, erzählt Dettmann, „beim Bauen wird stattdessen jede Betonlage von Hand verbunden. Beim Putz wird die von den Frauen angerührte Mörtelmasse mit wokähnlichen Stahlbehältern über Gerüste bis zu sieben Meter nach oben getragen und dann von den Männern der Familie verarbeitet. In Indien bestreiten viele Familien so ihren Lebensunterhalt. „Für Europäer mag das befremdlich sein, für viele Inder ist es eine Frage des Überlebens“, erklärt Dettmann.

Links: Weltweit im Einsatz – Die Wolfsburger Experten der Abteilung Planung Fabrikstruktur koordinieren den Bau neuer Fertigungsanlagen rund um den Globus. Mitte: Made in India – 2.500 Mitarbeiter werden Ende 2010 in Pune arbeiten. Im Zweischichtbetrieb können 110.000 Fahrzeuge pro Jahr gefertigt werden. Rechts: Das neue Werk in Pune ist die einzige Produktionsanlage eines deutschen Autoherstellers in Indien, die eine gesamte Fertigung – vom Presswerk über Karosseriebau und Lackiererei bis hin zur Montage – umfasst. (Foto)

Links: WELTWEIT IM EINSATZ – Die Wolfsburger Experten der Abteilung Planung Fabrikstruktur koordinieren den Bau neuer Fertigungsanlagen rund um den Globus.

 

Mitte: MADE IN INDIA – 2.500 Mitarbeiter werden Ende 2010 in Pune arbeiten. Im Zweischichtbetrieb können 110.000 Fahrzeuge pro Jahr gefertigt werden.

 

Rechts: MODERNSTE PRODUKTIONSTECHNIK – Das neue Werk in Pune ist die einzige Produktionsanlage eines deutschen Autoherstellers in Indien, die eine gesamte Fertigung – vom Presswerk über Karosseriebau und Lackiererei bis hin zur Montage – umfasst.

HÖCHSTE ANSPRÜCHE AN QUALITÄT UND SICHERHEIT

Die Ausschreibungen und Standards des Volkswagen Konzerns beinhalten sehr klare soziale und sicherheitstechnische Regeln für die Arbeit auf den Baustellen. So ist es beispielsweise strikt verboten, schwangere Frauen einzustellen. Auf Gegenliebe bei den Betroffenen stößt dies aber nicht unbedingt: „Warum nehmt ihr uns die Möglichkeit, Geld zu verdienen?“, wurde Dettmann gefragt. Es ist nicht immer einfach, als Puffer zwischen den verschiedenen Ansprüchen und Wertvorstellungen vollkommen unterschiedlicher Gesellschaften zu fungieren. Und doch gelingt es in Indien ganz gut: „Wir haben dafür gesorgt, dass die Kinder auf unserem Gelände einen Spielplatz, eine Schule, etwas Ordentliches zu essen und saubere Getränke zur Verfügung haben“, so Dettmann. Alle Beteiligten seien gerade wegen der erschwerten Bedingungen stolz auf ihr neues Werk, resümiert er: „Es war vielleicht nicht immer alles pünktlich, aber wir haben es gemeinsam geschafft, dass hier jetzt Autos nach dem hohen Qualitätsanspruch von Volkswagen gebaut werden können.“

WEITERE INFORMATIONEN
www.volkswagenag.com > Produktionsstandorte

„Wir verstehen die Zukunftsmärkte“

Prof. Dr. Jochem Heizmann, Produktionsvorstand der Volkswagen AG (Foto)

KURZINTERVIEW MIT PROF. DR. JOCHEM HEIZMANN, PRODUKTIONSVORSTAND DER VOLKSWAGEN AG, ÜBER FLEXIBLE PRODUKTIONSNETZE UND WELTWEITE QUALITÄTSSTANDARDS

Der Volkswagen Konzern produziert auf fast allen Kontinenten Fahrzeuge. Wie groß ist das Produktionsnetz genau?
Wir verfügen über 60 Produktionsstandorte in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien. An 41 dieser Standorte werden Fahrzeuge gefertigt. Die anderen Werke produzieren Getriebe, Motoren und Komponenten.

Wie wirken die Fertigungsstätten vom Grundsatz her zusammen?
Unser Ziel ist, einen Fertigungsverbund aufzubauen, der gegen externe Einflussfaktoren, etwa Währungsrisiken, immun ist und überwiegend den regionalen Marktbedarf deckt. Eine marktgerechte Produktion erzielen wir unter anderem mit dem Drehscheibenkonzept, das eine flexibel auf den Bedarf angepasste Belegung unserer Werke ermöglicht.

Weltweit erfüllen alle Fahrzeuge die gleichen Qualitätsstandards. Wie stellen Sie das sicher?
Wir haben einen konzernweit einheitlichen Qualitätsmaßstab für die Auditierung und Absicherung entwickelt. Er ist auch Gegenstand der Schulungen unserer internationalen Mitarbeiter in der Produktion und Qualitätssicherung.

Wie unterscheidet sich ein indischer Polo von seinem europäischen Pendant? Man sagt, die Hupe sei beispielsweise auf eine besondere Beanspruchung ausgelegt …
Natürlich gehen wir auch in Indien auf die marktspezifischen Wünsche unserer Kunden ein. Die Fanfare des Polo, der in Pune gebaut wird, ist in der Tat mit einer dreimal höheren Lebensdauer ausgestattet. Wer schon mal in Indien war, weiß warum: Dort wird mindestens so oft gehupt wie gekuppelt.

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